Der inszenierte Blick auf das Gnadenbild und zwei „verletzten“ Figuren in der Zisterzienserklosterkirche Grüssau im 18. Jahrhundert morein: Sehen und Sakralität in der Vormoderne, eds David Ganz and Thomas Lentes, Berlin: Reimer 2011, pp. 200–217 ‹KultBild, 4› |
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Cistercians, Baroque Art and Architecture, Images and history, Reception Studies, and Miraculous Images
1. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Fassade
Der inszenierte Blick auf das Gnadenbild
und zwei ,verletzte' Figuren
in der Zisterzienserklosterkirche Griissau
Grazyna Jurkowlaniec
Im 17. und 18. Jahrhundert war das Aufstellen von Gnaden- und Kultbildern in barocken
Altaraufsatzen im ganzen katholischen Europa verbreitet. Besonders jene Bilder, die als alter-
tiimlich, wundertatig oder von Andersglaubigen bedroht bzw., verletzt' galten, wurden in neuen
Altaraufsatzen - meistens auf den Hauptaltaren - der barocken oder barockisierten Kirchen
platziert.1 Die Zisterzienserklosterkirche in Griissau (Schlesien)2 erscheint zunachst nur als
ein Beispiel unter anderen, jedoch erweist sie sich in mancherlei Hinsicht als merkwiirdig und
einzigartig, denn in der zuerst barockisierten, bald darauf aber neu gebauten Kirche werden ein
Gnadenbild sowie zwei, verletzte' Figuren zur Schau gestellt, wobei das ganze Ausstattungs-
programm und die gesamte Raumgestaltung der Inszenierung dieser drei Bilder untergeordnet
sind.3 Sie bestimmen drei inhaltliche Knotenpunkte, sind aber selbst nicht immer sichtbar,
sondern offenbaren sich je nach dem Standpunkt des Betrachters in unterschiedlichem MaBe
(meist aber nicht vollstandig). Mit dem Rundgang durch die Kirche beginnt ein dynamischer
Sehprozess, bei dem die drei inszenierten Bilder zusammen mit anderen Ausstattungstiicken
und den Deckenmalereien ein visuelles Beziehungsgeflecht mitgestalten.
Einfuhrung: Geschichte und Legende
Das erste Kloster im Ort Grisobor, zwei Kilometer von dem heutigen Griissau entfernt, stiftete Anna,
Witwe des schlesischen Herzogs Heinrich II. des Frommen, im Jahr 1242 fiir die Benediktiner aus
Opatovitz in Bohmen. Damit erfiillte sie den Willen ihres in der Schlacht bei Liegnitz gefallenen
Gatten. 1289 iibergab Annas Enkel, Herzog Bolko I. von Schweidnitz und Jauer, das Kloster an die
Zisterzienser aus Heinrichau. Die Klosterkirche in Griissau wurde 1292 unter dem Namen Gratia
Sanctae Mariae konsekriert (das Patrozinium ist die Himmelfahrt Mariens).4 Es gibt keine Reste
des urspriinglichen gotischen Gebaudes, aber anhand der ikonographischen Quellen und Beschrei-
bungen darf man annehmen, dass es sich um eine groBe Querhausbasilika handelte.5
Der erste schwierige Moment in der Geschichte des Klosters waren die Hussitischen
Kriege im Schlesien der 1420er Jahre, eigentlich kritisch aber wurde die Situation im spaten
16. Jahrhundert. Seit 1581 predigte der erste evangelische Geistliche in Landeshut, einer Stadt
knapp acht Kilometer von Griissau entfernt. Infolge der Entwicklung der Reformation im
Herzogtum Schweidnitz und Jauer verringerte sich die Zahl der Monche in Griissau von 60
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GRAZYNA JURKOWLANIEC
im Jahre 1520 auf 12 im Jahre 1600. Auch Bilder und Figuren wurden in die Auseinanderset-
zungen zwischen den Katholiken und Lutheranern hineingezogen. 1616 oder 1617 wurde ein
Kruzifix in Wiirben bei Schweidnitz von einem andersglaubigen Fuhrmann mit der Peitsche
geschlagen (Crucifixi Imago [...] ab auriga haeretico scutica percussa).6 Es wurde nach
Griissau gebracht, wo bald der Kult der, verletzten' Figur seinen Anfang nahm. 1622 tauchte
in Griissau ein Marienbild auf, das mit der Griindungslegende des Klosters verbunden wurde
(in der bisherigen Forschung wurde das Bild ins 14. oder in die Mitte des 13. Jahrhunderts
datiert, wobei das 13. Jahrhundert eher unplausibel scheint).7 Zuerst wurde es auf einem Altar
der Klosterkirche, dann in der Kapelle auf dem Klosterhof gezeigt, wo es bald zum Ziel von
Wallfahrten wurde. Wahrend des DreiBigjahrigen Krieges verschonte zwar der Brand des
Klosters (1633) die Kapelle, aber die Wallfahrten horten auf.
Nach der Schlacht am WeiBen Berg (1620) begann die habsburgische Rekatholisierung der
bohmischen Lander, auch wenn Ferdinand III., gemaB den Vereinbarungen des Westfalischen
Friedens (1648), den Lutheranern in Schlesien erlaubte, drei evangelische Kirchen zu bauen (die
,Friedenskirchen' in Schweidnitz, Jauer und Glogau). In der zweiten Halfte des 17. und dem
ersten Drittel des 18. Jahrhunderts erlebten die Zisterzienserkloster in Schlesien ihre Bliitezeit.
1660-1667 unternahm einer der bedeutendsten Griissauer Abte, Bernhard Rosa, die Barocki-
sierung des Klosters.8 Man entfernte fast die ganze mittelalterliche Ausstattung der Kirche;9
unter den wenigen Ausnahmen diirfte das , verletzte' Kruzifix und das Marienbild gewesen
sein, das nach dem Ende des Krieges in der Wallfahrtskapelle wieder aufgestellt wurde.
Seit dem 17. Jahrhundert wurde das Marienbild mit der Griindungsreliquie der Kirche
verbunden, deren Anfange Ephraim Ignatius Naso im Jahre 1667 so dargestellt hat:
„Der fromme Ftirst Bolco ertheilte Nachricht Ihro Pabstlichen Heiligkeit, dass in Schlesien bey dem
Walde Griissau ein wunder-thatiges Bild unser Lieben Frauen anzutreffen, dessen Ursprung, wie es an
diese Stelle kommen sey, niemanden offenbar: beschriebe dabey die Gestalt dess Bildes, und ersuchte
den Pabstlichen Stul, die Wall-fahrt zu bestatigen, und etwas von dem geistlichen Kirchen-Schatze
dem beseligten Orte zu ertheilen. Als nun der Pabst hin und wieder nachforschen lassen hat man
endlich befunden, dass ein Bildntiss nach beschriebener Gestalt sich ex Ecclesia Riminensis Urbis
in Welchland zu Nachts verloren habe. Es ist auch dem Pabste zu nachtlicher Weile ein kleines Kind
erschienen, und hat ihm angezeiget, dass das Grissauische Bild unser Lieben Frauen eben dasjenige
sey, welches vor Zeiten in Welchland verehrt worden. Worauf Ihro Pabstliche Heiligkeit nicht allein
die Gott-gefallige Wall-fahrt bestatiget, sondern auch zu weiterer Aufmunterung des Christlichen
Eifers viel geistliche Gnaden ertheilet hat."10
Die Legende lasst sich mit historischen Daten verbinden, denn die Bestatigung der Privilegien
des Klosters durch Johannes XXII. fand 1318 in Italien statt, und zwar in Santarcangelo bei
Rimini. Naso erwahnte auch andere Wendepunkte der Geschichte des Klosters, u.a. einen
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hussitischen Angriff im Jahre 1426, als „das gantze Kloster, zusampt dem Gottes-Hause [...]
besprenget mit dem Blute [wurden], worinnen die Geistliche erbarmlich eimordet lagen"11 und
den DreiBigjahrigen Krieg. 1622 habe „Adam Wolfgangus von Miinsterberg das fast einge-
fallene Kirchel unser Lieben Frauen, worinnen vor Alters das wunder-thatige Bild gestanden
seyn sol, wieder erneuen lassen."12 Die spateren Autoren fiigten neue Details hinzu: Um 1700
erzahlte Augustin Sartorius, dass das Marienbild 1426 in einer Kiste unter dem FuBboden der
Sakristei vor den Hussiten versteckt und 1622 wiederaufgefunden wurde.13
Mittlerweile, im spaten 17. Jahrhundert, wurde das Gnadenbild aus der Kapelle im Klos-
terhof in die Klosterkirche, und zwar auf den Altar der Kapelle der Heiligen Dreifaltigkeit
hinter dem Hauptaltar iibertragen. Und 1690 kam eine Emanuelfigur aus Glatz nach Griissau,
die angeblich wahrend des DreiBigjahrigen Krieges von Andersglaubigen (probabiliter ab
heterodoxis iconomachis Svecis) profaniert worden war.14 Die Figur, die zuerst im Kloster und
dann im Chorumgang der Kirche (im Geburt-Christi-Altar hinter dem Hochaltar) aufbewahrt
wurde, stellt den nur mit einem Lendentuch bekleideten Emanuel dar, sie wurde aber spater
mit einem bestickten Kleid bedeckt. Die Figur passte gut zur 1667 von Naso geschriebenen
Griindungslegende des Klosters, in der sei „dem Pabste [... ] ein kleines Kind erschienen" und
hat ihm das Marienbild gezeigt.
GroBe Verehrer der Maria und des Emanuel waren seit dem spaten 17. Jahrhundert die
Griissauer Abte: nicht nur Bernhard Rosa, sondern auch Innozenz Fritsch, der 1727 mit dem
Bau der neuen Klosterkirche anting, die erst sein Nachfolger, Benedikt II. Sei del (Griissauer Abt
1734—1763), im Jahre 1735 weihte. Die Entscheidung des Abtes Fritsch, eine neue Kirche zu
bauen, lasst sich verstehen, wenn man beriicksichtigt, dass nach der Altrandstadter Konvention
(1707), dank der ,Gnade' Josephs I., die Lutheraner sechs neuen Kirchen in Schlesien bauen
durften - die ,Gnadenkirchen', u.a. in Landeshut. Die neue Griissauer Kirche, Domus Gratiae
Sanctae Mariae - Gnadenhaus Mariens - genannt,15 diirfte also eine ,Antwort' auf die neue
Lutherische Gnadenkirche zu Landeshut gewesen sein und der alte Name der Klosterkirche
muss eine neue Aktualitat gewonnen haben.
Die prachtige von Joseph Anton Jentsch entworfene Wandpfeilerkirche zeichnet sich
durch einige Besonderheiten aus, vor allem aber ist bemerkenswert, dass sie mit einem Quer-
schiff versehen wurde.16 Diese eher uniibliche Losung kann man als eine Anspielung auf den
Grundriss des Vorgangerbaus erklaren, oder als eine Verdeutlichung der Konkurrenz zur mit
dem Grundriss des Kreuzes errichteten Gnadenkirche in Landeshut,17 oder vielleicht als einen
Versuch, den ostlichen Teil der Kirche ganz im Sinne einer wirkungsvollen Inszenierung des
Gnadenbilds und der zwei Figuren zu gestalten. So wurde in der neu gebauten Kirche das mit
der Griindungsreliquie verbundene Gnadenbild Mariens mit Kind auf dem Hauptaltar aufge-
stellt und die zwei von Andersglaubigen ,verletzten' Figuren, das Kruzifix aus Wiirben und
die Emanuelfigur aus Glatz - auf den Altaren im Querschiff. Jene drei Elemente wurden so
inszeniert, dass sie einerseits von der restlichen Ausstattung deutlich abgesondert erscheinen,
sich andererseits aber als eng damit verbunden erweisen.
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Eine Schau, mehrere Blickpunkte
Die Fassade und das Hauptportal:
Haus des fleischgewordenen Konigs und Gnadenhaus Mariens
Wenn man sich der Kirche von auBen nahert, sieht man zuerst die prachtige Doppelturmfassade
(Abb. I),18 in der man den roten Faden - oder eigentlich, die roten Faden - des Programms der
im 18. Jahrhundert gebauten Kirche finden kann. Die Hauptthemen sind namlich Maria und
Emanuel, Inkarnation und Erlosung, vor allem aber die Gnade in vielfaltigem Sinne. In der
Mittelachse des oberen Geschosses befindet sich der Gnadenstuhl; darunter, in dem mittleren
Geschoss, die Figur der Immaculata und, in den Nebenachsen, die Szenen der Verkiindigung
(als der Engel Maria als gratia plena begriiBte) und der Heimsuchung (als Elisabeth zu Maria
Benedicta tu inter mulieres, et benedictus fructus ventris tui sagte; vgl. Lk 1,28-55). Auf dem
Gesims stehen Putta mit den Schilden, auf denen die Titel des Emanuels aus der Prophezei-
ung von Jesajas zu lesen sind (Admirabilis, Consiliarius, Deus fortis, Pater futuri saeculi
und Princepspads - Jes 9, 6). Maria wurde also zur Mutter des Erlosers und in dieser Weise
zur Mittlerin der gottlichen Gnade. Die Griissauer Kirche wurde, wie erwahnt, schon im 13.
Jahrhundert als Gratia sanctae Mariae bekannt, was auch im 18. Jahrhundert betont wurde.
Im Chronogramm unter der Immaculatafigur wird die Kirche ein goldenes Haus des Fleisch
gewordenen Konigs Jesus genannt: DOMVS AVREAINCARNATI ET NOBIS NATI REGIS
QVI EST CHRISTVS IESVS. Kommt man etwas naher, so bemerkt man, dass die Idee der
Kirche als Haus noch starker im ersten Geschoss der Fassade betont wurde, wo sich iiber dem
Haupteingang, zwischen den groBen Figuren der Heiligen (Bernhards von Clairvaux, Lutgard,
Benedikts, Scholastika, Moses, und Gregors des Grossen) ein Medaillon mit der Inschrift
DOMUS GRATIAE S. MARIAE befand (Abb. 2).
Man darf fragen, ob die Kirche nur als Haus Mariens und Christi, oder auch als Haus des
konkreten Bildes von Maria mit Kind gait. Es ist bemerkenswert, dass Erasmus Knoll, der
1738 eine ausfuhrliche Beschreibung der Kirche und derer Heiligtumer fur den Generalabt
von Citeaux verfasste,19 das Bild Palladium und Thaumaturga Protetrix des Klosters,20 am
haufigsten aber Gratia Sanctae Mariae nannte, was sich auf den in der Inschrift iiber dem
Haupteingang erwahnten, seit 1292 belegten Titel der Kirche beziehen lasst. Schon im Mit-
telalter wurden Patrozinien einiger Kirchen mit Bildern verkniipft. Ein Paradebeispiel ist die
nicht mehr existierende Kirche Santa Maria in Portico in Rom, wo die so genannte Madonna
di Portico verehrt wurde, ein Bild, das sich einer Uberlieferung nach in der Porticus Gallia
Octavias gezeigt haben soil. Am 17. Juli wurde in Santa Maria di Portico „la Festa dell'Ap-
paritione della Santa Imagine, e della Dedicatione della Chiesa" gefeiert.21 1665 wurde das
Bild in die Kirche Santa Maria in Campitelli gebracht, die - der Inschrift auf der Fassade nach
- eben fiir die Madonna di Portico gebaut wurde: SPQR VOTVM S [ANCTI] ALEXAN[DRI]
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2. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Inschrift iiber dem Haupteingang
VII P[ONTIFICIS] M[AXIMI] S[ANCTAE] MARIAE IN PORTICV A FVNDAM(ENTIS)
POS(ITUM) AD MDCLXXII. Die Inschrift auf der Fassade der 1613 geweihten Cappella
Paolina bei der Kirche Santa Maria Maggiore bezeichnet die Kapelle als prachtigen Wohn-
sitz des dortigen Marienbildes: PAVLVS V PONT[IFEX] MAX[IMUS] CELEBERRIMAM
DEI GENITRICIS IMAGINEM EX MEDIA BASILICA IN SPLENDIDIOREM SEDEM A
FVNDAMENTIS EXTRVCTAM TRANSTVLIT A[NNO] PONTIFICATVS VI. Dement-
sprechend kann auch die Griissauer Kirche als Haus gelten, in dem das Bild Gratiae Sanctae
Mariae , wohnte'. Nicht nur die Beziehung zwischen dem Titel der Kirche und dem Namen des
Bildes, sondern auch die Art und Weise, in der das Bild (samt zweier Figuren) im Innenraum
inszeniert wurde, scheinen diese These zu belegen. Die Fassade ist also eine Ankiindigung
des Programms, das im Innenraum verwirklicht wird.
Der Innenraum: Thronsaal Mariens
Wenn man am Eingang der Kirche steht (Abb. 3), fiihren die wellig flieBenden Linien der
Gesimse den Blick direkt zum Hauptaltar (1748-1758, Anton Dorasil nach dem Entwurf von
Ferdinand Maximilian Brokof oder Christoph Tausch; Abb. 4), in dem sich das Gnadenbild
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3. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Innenansicht
befindet. Die Gestaltung des Hauptaltars spielt auf viele Elemente der Fassade an (z. B. sind
die Pilaster mit gefliigelten Seraphimkopfen anstatt mit Kapitellen bekront). Das Gnadenbild
befand sich zwischen dem groBen Altarbild (Peter Brandl, 1732) und dem iiber dem Tabernakel
platzierten Thron, der zum Aufstellen der Monstranz diente.
Ahnlich wie viele andere Gnadenbilder ist das Marienbild sehr klein, so dass man sich
dem Hauptaltar nahern muss, wenn man es anschauen will (Abb. 5, XIV). Urspriinglich war
es auBerdem mit einem silbernen (heute nicht mehr vorhandenen) ,Kleid' verhullt, so dass
nur die Gesichter und Hande zu sehen waren. Das Bild selbst blieb also unsichtbar, obwohl
der Ort des Bildes deutlich markiert wurde. Der Breslauer Goldschmied Benjamin Hentschel
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5. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Gnadenbild auf dem Hauptaltar
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schmiedete fiir das Gnadenbild einen Silberrahmen, und die Zisterzienserinnen aus Triebnitz
woben einen Baldachin aus Stoff, der also zum richtigen Zelt - tabernaculum - wurde. Durch
diese Assoziation sowie durch die raumliche Nahe von Bild und Altarsakrament wurden zwei
Orte der Prasenz verbunden. 1738 beschrieb Erasmus Knoll den Hochaltar folgendermaBen:
residet vero hodie Gratiarum Mater expiiissima Mariophili Praesulis [i.e. des Abtes] dispo-
sitione super ipsum in novae claustral[is] Ecclesiae Ara Maiori tabernaculum sub Baldach-
imo.22 Sowohl Christus, der in der Eucharistie prasent ist, als auch das als ,Griindungsreliquie'
geltende Gnadenbild wurden also im Hochaltar der Griissauer Kirche inthronisiert.23
Die monumentale Umrahmung des Altares wirkt ambivalent: Sie stellt das Bild heraus,
iiberwaltigt es aber auch. Das rechteckige Bild wurde in den oval en Rahmen ,eingepflanzt'
und von einem dreieckformigen Baldachin mit einer goldenen Krone umgeben. Diese An-
ordnung wiederholt sich in der Bekronung des Altaraufsatzes und in den Pforten rechts und
links. Insofern wurde das Bild mit dem Ganzen verschmolzen und dem barocken Altaraufbau
assimiliert. Andererseits aber wurde es von dem Altarretabel, das sich hinter dem Tabernakel
und dem Gnadenbild befindet, abgehoben. Das Tabernakel wird quasi als Proszenium vor dem
Hintergrund des riesigen Altargemaldes inszeniert. Dennoch blicken die groBen Seitenfiguren
nicht auf das Gnadenbild, sondern auf das Altargemalde. Sogar die Engelsfiguren links und
rechts des Gnadenbildes (vielleicht eine andere Anspielung auf die Fassade, wo das sich
tiber dem Eingang befindende Medaillon mit der Inschrift DOMVS GRATIAE S. MARIAE
auch gekront und von zwei kniende Engeln flankiert wurde) beten das Bild nicht an, sondern
prasentieren die Reliquiare.
Das Querschiff: blendendes Licht der Offenbarung
Erst wenn man etwas tiefer in den Innenraum der Kirche hineinkommt, bemerkt man, dass sich
die Mittelachse verzweigt. Es werden nun die Querschiffarme sichtbar, wo sich das Kruzifix
und die Emanuelfigur in den Altaren (ca. 1744) befinden. Der Architekt hat nur zwei besondere
Stellen vorgesehen, von denen sowohl das Gnadenbild als auch die zwei Figuren sichtbar sind:
das ostliche Joch des Schiffs (Abb. 4, XIV) und den Mittelpunkt der Vierung. Das zweiteilige
Chorgestuhl wurde namlich so entworfen und gestaltet,24 dass es durch Offnungen den Blick
auf den Kreuzaltar und den Emanuelaltar ermoglicht (Abb. 6). Die drei Darstellungen bilden
ein inhaltliches Programm, denn sie lassen sich thematisch mit den drei von den Zisterziensern
seit dem 12. Jahrhundert besonders gepflegten Kulten verbinden: der Verehrung Marias, des
Kreuzes und des Christuskindes. Dariiber hinaus bilden die Emanuelfigur und das Kruzifix
ein inhaltliches Paar, in dem die Inkarnation mit der Erlosung verkniipft wurde. Die Emanu-
elfigur befindet sich auf dem Altar im nordlichen Arm des Querschiff es (Abb. 7, XV).25 Die
Seitenfiguren stellen die Zisterzienserheiligen dar, denen das Christuskind erschienen war
- Edmund von Canterbury (f 1240) und Abund von Villers in Brabant (f 1234), und darunter
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6. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Blick durch die Offnung im Chorgestiihl aufden Kreuzaltar
gab es die Marienfigur vom Typus Maria gravida (noch heute im Kloster befindlich) - eine
Kopie (18. Jahrhundert) der im Augustinerkloster in Prag verehrten Figur.26 Das Kruzifix
wurde im siidlichen Querschiffarm aufgestellt (Abb. 8), flankiert von den Figuren des Lon-
ginus und des guten Schachers; darunter stand eine ebenfalls spatmittelalterliche Figur der
Schmerzensmutter (um 1500).27
Sowohl die Emanuelfigur, als auch das Kruzifix sind polychrom, aber relativ klein, wahrend
die flankierenden Skulpturen monochrom und fast lebensgroB sind. Dies markiert die Grenze
der Representation und betont den ontologischen Unterschied zwischen dem Kultbild und seiner
kiinstlerischen Umrahmung. Die Kultfiguren wurden, wie oft in Schlesien, in verglasten Auf-
bauten iiber den Altaren angebracht. Das geschlossene Gehause verbirgt und schiitzt die Figur.
Insofern aber das Gehause selbst durchsichtig ist, um den Blick auf das Bild zu ermoglichen,
wird es zum Schaustiick, ahnlich wie ein Reliquiar in Form eines Ostensoriums.
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GRAZYNA JURKOWLANIEC
7. Griissau, Zisterzienser-
klosterkirche, Emanuelaltar
mit der Emanuelfigur aus
Glatz
An den beiden Querschiffaltaren kommt noch ein am Hochaltar abwesendes Element dazu, und
zwar das Licht. Die Kultbilder stehen vor dem Hintergrand der Fenster, durch die das Licht von
auBen in den Innenraum fallt.28 Dies ist natiirlich eine Variation des Berninischen bel composto, das
hier aber besonders interpretiert wird. Das Fenster wird zum inhaltlichen Element der Darstellung,
aber nicht als eine Offnung im Auszug des Altaraufsatzes oder als ein gelbgetontes Fenster, das den
Nimbus oder die Mandorlaum die Figur gestaltet. Naher steht den Griissauer Altaren etwa der Altar
in der Franz-Xavier-Kapelle der Jesuitenkirche in Breslau (1729-1734, vermutlich von Christoph
Tausch entworfen).29 Vielleicht setzte der Hauptaltar in der Wallfahrtkirche Mariazell (bis 1704,
1692 von Johann Bernhard Fischer von Erlach entworfen) hierfur die MaBstabe.30
Die die Christusfiguren ausstellenden Schreine ruhen auf den Wolken, was sich als eine
Vision des triumphierenden, mit den Wolken bzw. auf der Wolke kommenden Menschensohnes
interpretieren lasst, und zwar im Kontext einiger beriihmter biblischer Verse (Ps 103 [104],3;
Jes 19,1; Dan 7,13-15; Apk 14,14), wobei am wichtigsten das Zitat aus dem ersten Kapitel
der Offenbarung scheint: ecce venit cum nubibus et videbit eum omnis oculus et qui eum
pupugerunt (Apk 1,7). Die Wolke wurde von Theologen des 17. Jahrhunderts als Bekleidung
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8. Griissau, Zisterzienser-
klosterkirche, Kreuzaltar mit
dem Kruzifix aus Wurben
und Korper Christi erklart. Sie verhiillt das Licht, d.h. die gottliche Natur Christi. Besonders
deutlich zeigt sich diese ,verhiillte Enthiillung' des Allerheiligsten in der Schilderang der
Wiederkunft Christi in den Wolken zum Jungsten Gericht. Sie erklart sich daraus,
„dass die auBerordentliche Heiligkeit des Korpers Christi abgedampft werden mtisse, um die Augen
der auferstehenden Gerechten nicht gleich wieder erblinden zu lassen [...]. Was hinter der Wolke des
Leibes die Gerechten mit Blindheit und Tod bedrohte, war die Entdeckung des ,Deus absconditus',
war die Uberhelle des unzuganglichen Lichtes, der lux inaccessibilis."31
Die Gewolbemalereien: Heilsgeschichte und Jiistorie'
Wenn man nun den Blick nach oben wirft, bemerkt man den Zyklus der Gewolbemalereien
(Georg Wilhelm Neunhertz, 1732-1735), in dem die in der Fassade auftauchenden Namen
Emanuels zu den Titeln der folgenden Jochen werden: Admirabilis, Consiliarius, Deus fortis,
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Pater futuri saeculi und Princeps pads (Jes 9,6). Im Kontext der Prophezeiung von Jesaja
gewinnen die zwei Figuren im Querschiff neue Bedeutungsschichten. Das von einem An-
dersglaubigen, verletzte' Kruzifix lasst sich als lapis offensionis etpetra scandalis verstehen
(Jes 8,14). Jesaja bezeichnet Emanuel als lux magna (Jes 8,17). In Griissau wird dieses Licht
plotzlich zuganglich, und - wenn man das Wort des Johannes entlehnen darf - „es sahen ihn
alle, die ihn durchbohrt haben", weil die von Putten gehaltenen Vorhange enthiillt wurden.
Die feierliche Enthiillung von Kultbildern gehort natiirlich zu den altesten Brauchen, hier aber
markieren die Vorhange nur eine asfhetische und symbolische Grenze.32 In Griissau ziehen an
den Altaren Putten als Stellvertreter der himmlischen Sphare den Vorhang auf und prasentieren
die Figur, die vor dem Hintergrund des Fensters steht.
Wenn die Figuren in den verglasten, auf Wolken gestellten Schreinen von den Putten
, enthiillt' werden, wird der Betrachter durch das Licht geblendet. Schon Lutterotti, dem ersten
Verfasser, der das Kloster monographisch beschrieben hat, war aufgefallen, dass man durch
die Blendung die Emanuelfigur iibersah.33 Jesaja schrieb: expectabo Dominum qui abscondit
faciem suam a domo Jacob (Jes 8,17), aber drangte auch ad legem magis et ad testimonium
quod si non dixerint iuxta verbum hoc non erit eis matutina lux (Jes 8,20) und wiederholte das
Versprechen der tenebrae dissolutio (Jes 8,22). Baldpopulus qui ambulabat in tenebris vidit
lucem magnam habitantibus in regione umbrae mortis lux orta est (Jes 9,2-3).
Jesajas Prophezeiung von Emanuel envies sich als besonders aktuell. In den Kapiteln 7-12 des
Jesajabuches findet man eine Beschreibung der Situation des Volkes Israel, die mit der Situation
der Katholiken in Schlesien verglichen werden kann. Finsternis herrschte im Land (Jes 8,22; 9,2),
und der Konig von Assyrien hat in seinem Hochmut „die Gotzen getan" (Jes 10,10-11), was
sich auf die Zeit der Reformation und der reformatorischen Bildfeindlichkeit beziehen lasst. Es
wird aber die Uberwindung der Finsternis vorausgesagt (Jes 8,20-22), das Kommen Emanuels
(Jes 7,14; 9,Iff), was den Sieg des Katholizismus in Schlesien bedeuten konnte (ubersetzt heiBt
Emanuel „Gott mit uns" - Mt 1,23). Dementsprechend werden sowohl das vor den Hussiten
versteckte Bild, als auch die beiden von Andersglaubigen verletzten Figuren zu Zeugnissen der
bitteren Zeit, aber auch zu Zeugnissen der Uberwindung der Finsternis.
Man sollte nun zum Eingang zuruckkehren, um den Freskenzyklus im Gewolbe zu verfolgen
und dadurch diese Verbindung zwischen ,Historie' und Heilsgeschichte zu uberpriifen. Im
einheitlichen Raum des , Gnadenhauses Christi und Mariens' lasst sich nun eine Gliederung
in einzelne Abschnitte erkennen. In den Jochen des Gewolbes wurden je drei Szenen darge-
stellt: die Hauptszene aus der Heilsgeschichte und zwei Nebenszenen aus der Geschichte des
Zisterzienserordens und des Griissauer Klosters.
Im ersten Joch: Admirabilis, stellt die Hauptszene Immaculata dar, die Gott den Ureltern Adam
und Eva prasentiert. Maria wird als Vas admirabile ,opus excelsi bezeichnet (Sir 43,2; in demselben
Kapitel beschreibt Jesus Sirach die Sonne und deren Glanz). Die eine Nebenszene, wo Robert
von Molesme Cistercium griindet (1098), wird von der Inschrift Transibo in locum tabernaculi
admirabilis (Ps 42,5) begleitet. Die andere, mit den zwei vor Maria knienden Abten von Citeaux
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9. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Deckenbild: Joch „Fortis "
- Alberich (1099-1108) und Stephan Harding (1108-1133) - bestatigt, dass vom Anfang an die
Zisterzienser die Finsternis iiberwinden mussten, denn die Inschrift lautet: Gens sancta populus
acquisitionis, qui de tenebris vocavit ad admirabile lumen suum (1 Petr 2,9; das Zitat darf auch
als eine Anspielung an die Farbe der Ordenskleider interpretiert werden, weil die Zisterzienser die
schwarzen Kleider der Benediktiner zugunsten der weiBen aufgegeben haben).
Das Joch Consiliarius ist der Geburt Christi und zwei Szenen aus dem Leben des heiligen
Bernhard von Clairvaux gewidmet, und zwar der Visio der Maria gravida (mit der Inschrift
Segregavit me ex utero, et vocavit me per gratiam suam; Gal 1,15) und der Aufnahme in Citeaux
durch Stephan Harding (1112), bezeichnet: Apparuit gratia Dei erudiens nos (Tit 2,11).
Die Darbringung Christi im Tempel im Joch Deus wird mit Symeons AuBerung kom-
mentiert: Viderunt oculi mei salutere tuum (Lk 2,30). Zwei andere Legenden aus dem Leben
Bernhards sind: Lactatio Sancti Bernhardi und Amplexus, wobei die Geste Christi wiederholt
wird, mit der im Hohelied der Brautigam die Braut umarmt (Hid 2,6). Auch die Inschriften
stammen aus dem Hohelied: Fasciculus myrhae dilectus meus mihi et ego illi (Hid 1, 12) und
Nardus mea dedit odorem suum, inter ubera commorabitur (Hid 1,1 If).
Das Thema der Hauptszene im nachsten Joch - Flucht nach Agypten - passt scheinbar nicht
zum Titel Fortis (Abb. 9), obwohl die Inschrift feststellt: Dextera tua, Domine, magnificata
est in fortitudine (Ex 15,6). Das apokryphe Pseudo-Matfhaus-Evangelium (22-24) lasst aber
die gottliche Macht Christi eben in diesem Moment aufscheinen. Die Heilige Familie kam
namlich in die Stadt Sotinen, in deren Tempel 365 Gotterbilder aufgestellt waren. Als Maria
mit dem Kinde den Tempel betreten hatte, stiirzten samtliche Gotterbilder zur Erde, so dass sie
zerbrochen auf ihrem Angesicht lagen. Da wurde Jesajas Prophezeiung erfullt (Jes 19,1) und
als Afrodisius, der Herzog dieser Stadt, zum Tempel kam, sah er die zerbrochenen Gotterbilder,
trat zu Maria bin und huldigte dem Kind, in dem er den wahren Gott erkannte (vgl. Jes 21,9).
Der Titel Fortis bezieht sich nicht nur auf Christus, sondern auch auf den heiligen Bernhard.
Ihm gelang es, Wilhelm von Aquitanien, der den Gegenpapst Anaklet II. unterstiitzte, zur An-
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10. Griissau, Zisterzienserklosterkirche, Deckenbild: Joch „Princepspads"
erkennung Innozenz' II. zu bewegen, und zwar dadurch, dass er dem Herzog die Hostie auf der
Patene zeigte. Der erschrockene Herzog soil dann von der Kraft des Heiligen Geistes besiegt
worden sein, was in einer der Nebenszenen dargestellt wurde. Offensichtlich war Bernhard,
laut der Inschrift, Plenus gratia et fortitudine (Apg 6,8). Seine Macht wird zusatzlich durch
die Szene aus der zweiten Kreuzzug veranschaulicht (1147), die so erlautert wird: Requievit
super eos spiritus consilii et fortitudinis (Jes 11,2).
Im Joch Pater futuri saeculi befindet sich oberhalb der Vierung eine Scheinkuppel. Dort
ist das Himmlische Jerusalem dargestellt, wo die Maria/Braut von Christus/Brautigam begriiBt
{Surge propera arnica mea, Hid 2,10), und von den Altesten (Apk 4,4 und 4,10) und Zister-
zienserheiligen verehrt wird (die Inschriften darunter lauten - Fulcite me floribus, stipate me
malis, quia amore langueo; Hid 2,5 und Si invent gratiam in conspectu tuo, respicepopulum
hunc, Ex 33,13). Im Chorgestiihl gibt es 48 Platze, und im Fresko wird Maria von 48 Heili-
gen - Papsten, Kardinalen, Bischofen und Monchen - verehrt, begleitet von den Inschriften
Irreprehensibiles usque ad adventum Domini nostri Jesu Christi (1 Tim 6,14), Accepistis
spiritum adoptionis filiorum. Si autem filii et heredes quidam Dei, cohaeredes autem Christi
(Rom 8,15 und 17) und Cum apparuerit princeps pastorum, percipietis immarcescibilem
gloriae coronam (1 Petr 5,4).
Das letzte Zitat verkiindet den Titel des Chorjoches - Princeps pads - und dessen Haupt-
thema - Kronung Martens (Abb. 10). Maria - Protectrix der Zisterzienser - wird mit Esther
verglichen (dank derer die Israeliten nicht von den Persern vernichtet wurden) und darum
Posuit diadema regni in capite ejusfecitque earn regnare et dedit requiem universis provinciis
(Est 2,17f). Die Nebenszenen wurden nicht mehr der Geschichte der Zisterzienser, sondern
DER INSZENIERTE BLICK
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der lokalen Geschichte, und zwar den Griindern des Griissauer Klosters gewidmet. An der
Nordseite ist die heilige Hedwig mit ihrem Sohn Heinrich dem Frommen und seiner Gattin
Anna dargestellt, die Inschrift lautet Et consilium pads erit inter illos et coronae (Sach 6,13f).
An der Sudseite befindet sich Bolko I. und die spateren schlesischen Herzoge (Piasten und
Pfemysliden) mit folgender Inschrift: Magnificentia corum in diademate capitis et nomen
eorum vivit in generationem (Weish 18,24 und Sir 44,14).
Schluss: Reliquien der vorreformatorischen Vergangenheit
In der friihen Neuzeit wurden mittelalterliche Traditionen von den alten Orden, u.a. den
Zisterziensern, besonders sorgfaltig gepflegt. In Bohmen und Schlesien erwies sich die
geschichtliche Legitimierung wahrend der Rekatholisierung des Landes als auBerordentlich
dringend. Realisiert wurde sie in der programmatischen Verbindung von alten und neuen
Elementen in der Architektur und ihrer Ausstattung sowie in der Pflege der , Antiquitaten':
mittelalterlicher Kultbilder und der Grabmaler der Stifter und Herrscher.34 Auch in Griissau
bestimmte die historische Vergangenheit den aktuellen Status der Klosterkirche. Das Kloster
wurde von Schlesischen Herzogen gegriindet und gefordert. Drei Herzoge - Bolko I., Bernhard
und Bolko II. - wurden in der Klosterkirche begraben.35 Das Grabmal Bernhards war schon
Anfang des 17. Jahrhunderts zerstort; die Grabmaler Bolkos I. und Bolkos II., zuerst vor dem
Hauptaltar aufgestellt, wurden 1662 getrennt, und schlieBlich in das 1727-1738 ostlich des
Chores errichtete Mausoleum der Piasten gebracht und auf neue Tumben gesetzt.
Sowohl das Gnadenbild als auch die Grabsteine der Stifter und Herrscher galten als Tra-
ger der Erinnerung an die Urspriinge des Klosters und an die katholischen Traditionen des
Landes. Infolgedessen wurde ,Historie' abermals eng mit der Heilsgeschichte verkniipft. Das
Gnadenbild sowie die, verletzten' Figuren, die die Zeit der, Finsternis' erlebt haben, wurden
als Erinnerungsstiicke der vorreformatorischen Vergangenheit wahrgenommen, die die alt-
glaubigen, katholischen Traditionen des Landes bezeugten. Deswegen markierten sie durch
ihre Sonderstellung im Innenraum die erkennbaren Kultzentren und wurden reliquienartig
aufgestellt. Merkwiirdig ist vor allem die Inszenierung der beiden Figuren, die sie wie eine
Offenbarung erscheinen lasst. Die Vision wurde zwar mithilfe der Vorhange enthiillt, aber
das Licht, das zum Anblick notwendig ist, blendete den Betrachter. Obwohl die Figuren im
Fokus standen oder, gerade weil sie im Fokus standen, blieb das Antlitz des Herrn vor dem
Hause Jakob verborgen.
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GRAZYNA JURKOWLANIEC
Anmerkungen
1 Die Literatur zum Thema ist sehr vielfaltig und viel zu umfangreich, um hier ausfiihrlich besprochen werden
zu konnen, auch wenn man nur die neueren Veroffentlichungen beriicksichtigen mochte; ich erwahne nur: Jan
Royt, Obraz a kult v Cechdch 17. a 18. stoleti, Praha 1999, S. 91-121; Ursula Brossette, Die Inszenierung
des Sakralen. Das theatralische Raum und Ausstattungsprogramm siiddeutscher Barockkirchen in seinem
liturgischen und zeremoniellen Kontext, Weimar 2002; David Ganz, Barocke Bilderbauten. Erzdhlung, Illusion
und Institution in romischen Kirchen 1580-1700, Petersberg 2003, S. 334—378; David Ganz/Georg Henkel
(Hrsg.), Rahmen-Diskurse. Kultbilder im konfessionellen Zeitalter, Berlin 2004 (KultBild 2); Georg Henkel,
Rhetorik und Inszenierung des Heiligen. Eine kulturgeschichtliche Untersuchung zu barocken Gnadenbildern
in Predigt und Festkultur des 18. Jahrhunderts, Weimar 2004; Grazyna Jurkowianiec, Epoka nowozytna wobec
sredniowiecza. Pamiqtkiprzeszlosci, cudowne wizerunki, dziela sztuki, Wroclaw 2008, S. 273^148; dies, Preservation
and Presentation. Medieval Images and Their Early Modern Settings in the Churches of Prussia (1525-1772), in:
Gerhard Eimer/Ernst Gierlich/Matthias Muller (Hrsg.), Ecclesiae ornatae.Kirchenausstattungen des Mittelalters
und derfruhen Neuzeit zwischen Denkmalwert und Funktionalitdt, Bonn 2009, S. 291-310.
2 Wichtigste Literatur: Nikolaus von Lutterotti, Vom unbekannten Grussau, I: Heilige Zeiten und Orte, Griissau
1928; ders., Abtei Grussau. Ein Filhrer, Grussau 1941; Henryk Dziurla, Krzeszdw, Wroclaw 1974; Henryk
Dziurla/Kazimierz Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony iaskq, Wroclaw 1997; Henryk Dziurla, Krzeszow,
in: Andrzej Marek Wyrwa/Jerzy Strzelczyk (Hrsg.), Monasticon Cisterciense Poloniae, Bd. II: Katalog
mqskich klasztorow cysterskich na ziemiach polskich i dawnej Rzeczypospolitej, Poznan 1999, S. 164—188.
3 Jurkowlaniec, Epoka nowozytna (wie Anm. 1), S. 342-377.
4 Andrzej Walkowski, Pochodzenie kancelaryjne pierwszych dokumentow fundacyjnych opactwa cystersow w
Krzeszowie, in: Dziurla/Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony laskq (wie Anm. 2), S. 44—60.
5 Marian Kutzner, Sredniowieczna architektura klasztoru cysterskiego w Krzeszowie, in: Dziurla/Bobowski
(Hrsg.), Krzeszdw uswiecony laskq (wie Anm. 2), S. 132-140.
6 Ephraim Ignatius Naso, Phoenix redivivus, Wratislaviae 1667, S. 286; vgl. Ms. in Breslau, Archiwum
Archidiecezjalne we Wroctawiu (= AAW), V 25a (unnum. Bl) und Lutterotti, Vom unbekannten Grussau
(wie Anm. 2), S. 6 und 61-71. Zu ,verletzten' Bildern: Leopold Kretzenbacher, Das verletzte Kultbild.
Voraussetzungen, Zeitschichten und Aussagewandel eines abendldndischen Legendentypus, Munchen 1977;
Philip M. Soergel, Wondrous in His Saints. Counter-Reformation Propaganda in Bavaria, Berkeley 1993,
S. 203-209.
7 Lutterotti, Vom unbekannten Grussau (wie Anm. 2), S. 103-113; Dziurla, Krzeszdw (wie Anm. 2), Anm. 15;
Ivo Koran, Madony ochrankyne ceskych klasteru a milostny obraz P. Marie v Kfesove, in: Dziurla/Bobowski
(Hrsg.), Krzeszdw uswiecony laskq (wie Anm. 2), S. 22; ders., Gothic Madonnas of Mercy in Boemia and
Poland, in: Biuletyn Historii Sztuki 64 (2002), S. 63.
8 Andrzej Koziel, Angelus Silesius, Bernhard Rosa i Michael Willman, czyli sztuka i mistyka na Slqsku w czasach
baroku, Wroclaw 2006.
9 Jakub Kostowski, Sredniowieczna grupa Ukrzyzowania z belki teczowej kosciota klasztornego w Krzeszowie,
in: Dziurla/Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony laskq (wie Anm. 2), S. 141-144.
10 Naso, Phoenix redivivus (wie Anm. 6), S. 279.
11 Ebd., S. 282.
12 Ebd., S. 269.
13 Augustin Sartorius, Cistercium Bis-Tertium seu Historia elogialis in qua sacerrimi ordinis cisterciensis anno
Domini 1698 a sui origine sexies, seu bis-ter saecularis, Prag 1700, S. 721f und 1124; ders.. Verteutschtes
Cistercium Bis-Tertium, Oder Cistercienser Ordens-Historie, Prag 1708, S. 438f und 683-684.
DER INSZENIERTE BLICK
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14 Notitiaperbrevis Effigiei JESU Parvuli in Basilica Grissenaparter Religiose coli caepta in AAW, V 25 a (wie
Anm. 6)
15 Samuel Leopold Hahn, Das wieder lebende Griissau oder das Neu-eroffnete Gnaden-Haus, Breslau 1735; vgl.
AAW, V 25 a (wie Anm. 6).
16 Jan Wrabec, Architektoniczny jezyk Dientzenhoferow czeskich na Slasku, Wroclaw 2004, S. 150-152.
17 Ryszard Holownia, Krzeszowskie mauzoleum Piastow swidnicko-jaworskich w aspekcie sukcesji ksiazecej,
in; Dziurla/Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony laskq (wie Anm. 2), S. 272.
18 Mehr dazu: Stanislaw Kobielus, Watek Emmanuela w dekoracji monumentalnej kosciota opackiego w
Krzeszowie, in: Rocznik Historii Sztuki, 16 (1986), S. 159-212; Jan Wrabec, Kilka uwag o programie ideowym
kosciota Najswietszej Maryi Panny Laskawej w Krzeszowie oraz okolicznosciach jego powstania, in: Dziurla/
Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony Iaskq (wie Anm. 2), S. 260-271; Koziel, Angelus Silesius (wie Anm. 8),
bes. S. 215-272.
19 AAW, V 25 a (wie Anm. 6).
20 Notitia Grissena Matris Gratiarum in AAW, V 25 a (wie Anm. 6).
21 Narratione della miracolosa imagine della Beatissima Vergine, posta della Chiesa di S. Maria in Portico di
Roma Rom 1656, S. 12.
22 Notitia Grissena Matris Gratiarum in AAW, V 25 a (wie Anm. 6).
23 Vgl. Brossette, Die Inszenierung (wie Anm. 1), S. 246.
24 Die Verschiebung des Chorgestiihles in der 2. Halite des 19. Jahrhunderts hat diesen Effekt vielleicht etwas
geschwacht, aber nicht vernichtet. Vgl. Henryk Dziurla, Christophorus Tausch, uczen Andrei Pozza, Wroclaw
1980, S. 205.
25 Lutterotti, Vom unbekannten Griissau (wie Anm. 2), S. 5-12.
26 Vgl. Jan Royt, Obraz a kult (wie Anm. 1), S. 56-60.
27 Lutterotti, Vom unbekannten Griissau (wie Anm. 2), S. 6 und 61-71.
28 Vgl. zur „Inszenierung Gottes als Lichterscheinung" Brossette, Die Inszenierung (wie Anm. 1), S. 273-275.
29 Dziurla, Christophorus Tausch (wie Anm. 24), S. 120-122. Vgl. die Nebenaltare der Jesuitenkirche - heuzutage
Stiftskirche - in Posen, in denen eine Marienfigur und ein spatmittelalterliche Kruzifix aufgestellt wurden. Vgl.
dazu Katalog zabytkdw sztuki w Polsce, seria nowa, Bd. VII, Miasto Poznan, Teil. II: Srddmiescie. Koscioiy i
klasztory, 1, hrsg. von Zofia Kurzawa/Andrzej Kusztelski, Warszawa 1998.
30 Ingeborg Schemper-Sparholz, Johann Bernhard Fischer von Erlach Hochaltar und die Arbeiten Lorenzo
Mattiellis in Mariazell, in: Barockberichte, 29/30 (2001), S. 692-728.
31 Joseph Imorde, Die Wolke als Medium, in: David Ganz/Thomas Lentes (Hrsg.), Asthetik des Unsichtbaren.
Bildtheorie und Bildgebrauch in der Vormoderne, Berlin 2004 (KultBild 1), S. 171-196, hier 174 (vgl.
S. 171).
32 Brossette, Die Inszenierung (wie Anm. 1), S. 105.
33 Lutterotti, Vom unbekannten Griissau (wie Anm. 2), S. 7.
34 Ulrich Furst, Die lebendige und sichtbare Histori. Programmatische Themen in der Sakralarchitektur des
Barock (Fischer von Erlach, Hildebrandt, Santini), Regensburg 2002; Stepan Vacha, Barokni donatorske a
zakladatelske sceny v cisterciackych klasterech v Cechach a na Morave, in: Umem 52 (2004), S. 490-505;
Romuald Kaczmarek, Nagrobki sredniowiecznych fundatorow w barokowych przebudowach cysterskich
kosciotow na Slasku. Historyzm i aktualizacja, in: Dziurla/Bobowski (Hrsg.), Krzeszdw uswiecony Iaskq (wie
Anm. 2), S. 146-153.
35 Holownia, Krzeszowskie mauzoleum (wie Anm. 17), S. 272-312.